An die Stelle der Vergangenheitsbewältigung ist immer klarer die Vergangenheitsbewahrung getreten. Sie beginnt mit der Einsicht in die Unbeendbarkeit der Schuld und die Irreparabilität des Schadens, für den es keine Wiedergutmachung und Versöhnung gibt - nur die Solidarität in der Erinnerung.

August 2022: erste archäologisch-wissenschaftliche Grabung am Grünanger

Im Auftrag der Gedenkinitiative

Bereits im Feber 2020 haben ArchäologInnen bei der Errichtung des Fundaments für die Erinnerungstafel der Stadt Graz am Grünanger bedeutsame Gegenstände gefunden, die den Opfern des Todesmarsches im Frühjahr 1945 bzw. den InsassInnen des Zwangarbeiterlagers in Liebenau zugeordnet werden. 

Als Gedenkinitiative haben wir seither auf eine Fortsetzungsgrabung in dieser Verdachtszone gedrängt, weil es sich damals um persönliche Hinterlassenschaften von Lagerinsaßen gehandelt hat: Kettchen mit Glasperlen, Brillenfassungen, Zahnbürsten, Schuhreste, Geschirr, etc.

Mit Stadtsenatsbeschluss vom 15. Juli 2022 wurde unserem Ansuchen um die Finanzierung einer wissenschaftlich-archäologischen Grabung sowohl von Bürgermeisterin Elke Kahr als auch vom Finanz- und Immobilienstadtrat zugestimmt, wobei wir die Auftraggeber für die Archäologiefirma und gegenüber Behörden (Bundesdenkmalamt etc.) verantwortlich sind.

Die Grabung im August 2022 umfasst das angrenzende Areal an die Erinnerungstafel in einer Größe von 7 x 8 m und einer Tiefe von ca. 1,80 m.

„Holocaust vor der Haustüre“

„Die vielen Fundstücke ab dem ersten Grabungstag machen betroffen, vor allem, wenn man weiß, dass die Gegenstände von Menschen stammen, die großes Leid ertragen mussten oder hier ermordet wurden:

  • unzählige genagelte und genähte Schuhsohlen und Schuhteile von Erwachsenen und Kindern, Lederteile, Gummischuhwerk, Stiefel, Stoff-Fetzen
  • Porzellanfragmente, Töpfe und Besteck 
  • Medizinfläschchen, Glasflaschen
  • unterschiedlichste Knöpfe, Glasperlen, Anhänger
  • Kämme, 1 Zahnbürste, Brillenbügel
  • Säcke voll Schneckenhäuser, Tierknochen 
  • diverse Eisenteile. 

Einige der Gegenstände gewinnen besonders im Kontext mit Zeitzeugenberichten an Bedeutung – wie z. B. die vielen Weinbergschneckenhäuser: 

„Essen bekamen wir durchschnittlich alle zwei Tage, eine leere Suppe. 
Es kam aber auch vor, dass wir innerhalb von 5 Tagen nur eine Suppe bekamen; Brot ganz selten, auch das war auch halb verschimmelt, ... in den Ruhepausen sammelten wir Schnecken und Gras, ...“ 

Zeitzeugenaussage eines Zwangsarbeiters 1945, der von Györ über Jennersorf ins Lager Liebenau marschieren musste.

Ein 43 Jahre alter ungarischer Maschinenarbeiter gab im Aug. 1945 in Budapest zu Protokoll:
„Ende März kamen wir nach Graz-Liebenau. Man gab uns keine Verpflegung, so aßen wir Schnecken, Gras, Klee, Raps. Und wenn es ging, bettelten wir.“

Als Subventionsempfänger der Stadt Graz müssen wir uns vertraglich verpflichten, alle Funde dem GrazMuseum auszuhändigen, wobei wir keinen Einfluss darauf haben, dass die Funde entsprechend forensisch-archäologisch aufgearbeitet und auch künftig ausgestellt werden, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Die archäologische Grabung bei der Erinnerungstafel weckte wieder großes Medieninteresse und machte auch JournalistInnen betroffen. Das deutsch-französische ARTE-Filmteam um Jutta Pinzler begleitete die Grabung für eine Fernsehdoku, der ORF brachte einen Fernsehbeitrag und Radiointerviews. Danke auch den ZeitungsjournalistInnen, die berichtet haben. Dank an die Grazer Koalitionsregierung, die unser Ansinnen unterstützt.

ORF Steiermark

Graz.at

Der Standard

Austria Presse Agentur

Kronen Zeitung

Kleine Zeitung

zackzack.at

Kurier

Jene Verdachtsstellen am Grünanger, die die archäologischen Knochenspürhunde aus Deutschland im Jänner und Juni 2022 markiert haben -  wo sich sowohl Einzelgrabstellen als auch Hinweise auf Massengräber befinden - können leider nicht so einfach archäologisch untersucht werden. Diese Stellen wurden zum Teil bereits baulich verändert bzw. sind nicht ohne erheblichen! Aufwand freizulegen.   
Die Kriegsgräberfürsorge sieht sich erst zuständig, wenn bereits Skelett-Teile aufgefunden worden sind.